Ulrich Inderbinen: Das Matterhorn im Blut
Wenn es auf der Welt einen Menschen gibt, von dem man sagen könnte, er kennt das Matterhor in- und auswendig, dann ist es wohl Ulrich Inderbinen. Insgesamt 371 Mal hat der 2004 verstorbene Zermatter Bergführer den Gipfel des berühmtesten Berges der Schweiz erklommen – zuletzt im Alter von 89 Jahren. Die Berge hatte der gebürtige Zermatter im Blut: Schon als Fünfjähriger hatte er an ihren steilen Hängen die Kühe seines Vaters hüten müssen; wenige Jahre später, im Alter von nur 13 Jahren, verdiente er sein Geld bereits als Schafhirte. So ist es kein Wunder, dass ihm die Berge rings um Zermatt schon früh ein zweites Zuhause waren.
1921 bestieg Inderbinen, in Begleitung seiner jüngeren Schwester, zum ersten Mal das Matterhorn. Von diesem Tag an sollte ihn der Berg nicht mehr loslassen. Im Alter von 25 Jahren absolvierte Inderbinen die Bergführerschule, fand aber bei Weitem nicht genügend Aufträge, um sich so über Wasser halten zu können. Der Zweite Weltkrieg und die harten Nachkriegsjahre sorgten für einen dramatischen Einbruch im alpinen Tourismus.
Ein Leben auf dem Matterhorn
Erst in den 60er Jahren kamen die Touristen in die Alpen zurück und mit ihnen auch die Bergsteiger, die der Herausforderung der beeindruckenden Viertausender rings um Zermatt nicht wiederstehen konnten. Zu diesem Zeitpunkt war Inderbinen bereits über 60 Jahre alt, doch das hinderte ihn nicht daran, das Matterhorn noch mehrere hundert Mal zu besteigen und auch die Gipfel des Mont Blancs und der Dufourspitze jeweils mehr als 80 Mal zu bezwingen.
Mit 80 Jahren entdeckte Ulrich Inderbinen sogar noch eine weitere Leidenschaft für sich: das Skirennen. 15 Jahre lang, bis zu seinem 95. Lebensjahr, nahm er regelmäßig an den Skirennen der Region rings um das Matterhorn teil – und da er in der Regel in seiner Altersklasse ohne Konkurrenz fuhr, gewann er auch die meisten Rennen.
„Gelangweilt habe ich mich nie.“
Weltweite Aufmerksamkeit lenkte Inderbinen 1990 auf sich: Zum 125. Jahrestag der Erstbesteigung des Matterhorns durch Edward Whymper bestieg er zum letzten Mal, im Alter von 89 Jahren, das Matterhorn. Sieben Jahre später musste er seine Bergführerkarriere, in Folge eines Sturzes am Breithorn, sechsundneunzigjährig beenden. Bis zum Schluss hatte Ulrich Inderbinen sich neuzeitlichen Sicherungsmethoden verweigert: Während seine Kollegen spezielle Sicherungsseile und hoch komplexe Ausrüstungen verwendeten, führte er seine Touristen und Kunden noch in den 90er Jahren mit einem Hanfseil um den Bauch durch die Gletscherbrüche und auf die Kämme und Gipfel der Viertausender von Zermatt.
Er reiste daraufhin nach Rom, um dort den Segen Papsts Johannes Paul II. zu empfangen. Anlässlich seines 100. Geburtstages widmete das Dorf Zermatt Inderbinen eine Ausstellung und weihte einen ihm gewidmeten Brunnen im Ortskern ein. Als Ulrich Inderbinen 2004 im Alter von 104 Jahren starb, war er nicht nur der älteste Mann im Kanton Wallis, sondern dank seiner Verdienste um die Bergsteigerei und seiner außerordentlichen Anzahl an Viertausenderbesteigungen – allen voran am Matterhorn – auch eine wahre Legende.
Und obwohl er den Weg hinauf zum Gipfel des Matterhorns wahrscheinlich im Schlaf hätte gehen können, sagte er einmal in einem Interview: „Gelangweilt habe ich mich nie. Höchstens dann, wenn meine Kunden zu langsam marschiert sind.“
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